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Der verbrannte Brief
Es war ein echter Notfall. Wieder hatte ich die Hausaufgaben nicht gemacht. Das war ja auch gar nicht so einfach. Erstens war ich nach fünf Stunden Schule und dem langen Schulweg, fast eine Stunde im strengen Tempo marschieren, ziemlich müde. Zweitens, wie sollte ich Hausaufgaben machen, wenn meine kleineren Geschwister die ganze Zeit für Ablenkung sorgten? Die Hausaufgaben mussten am großen Küchentisch gemacht werden, denn die Küche war der einzige Aufenthaltsraum für unsere große Familie. Die anderen Zimmer waren mit Stockbetten vollgestopft, damit wir jeder von uns sein eigenes Bett hatte. Was sollte ich also machen? Ich beschloss also, am besten gar nichts zu machen. Und so drückte ich mich um die Hausaufgaben herum so gut es ging.
Der Lehrer hatte inzwischen die Nase voll. Vielleicht machte er sich auch ernsthaft Sorgen um mich. Es gab kaum einen Tag wo nicht ein Teil oder die ganze Hausaufgabe fehlte. Außerdem bekleckerte ich mich auch sonst im Unterricht nicht gerade mit Ruhmestaten. Meine Lieblingsbeschäftigung im Unterricht war träumen. Am liebsten träumte ich mich weit weg. Am besten dorthin wo es schön war, immer Ferien und Länder, wo Schulen verboten waren. Am liebsten war ich zu Hause bei meiner Mutter, die Schule hasste ich. So kam es wie es kommen musste, mein armer Lehrer, der Herr G., wusste sich nicht mehr zu helfen und gab mir einen Brief an meinen Vater mit, den ich am nächsten Tag unterschrieben zurückbringen sollte. Ich ahnte schlimmes. Hatte keine Lust auf eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock. Deshalb musste der Kohleofen mein Retter sein. In einem unbewachten Augenblick übergab ich den Brief meines Lehrers dem Feuer. Anschließend war mir wohler. Der Tanz mit dem Rohrstock war abgewendet. Ich ahnte aber in meiner kindlichen Unbekümmertheit nicht, dass damit ganz bestimmt nicht alle meine Probleme aus der Welt geschafft sein würden.
Am nächsten Tag wollte Herr G. den von meinem Vater unterschriebenen Brief sehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf Teufel komm heraus zu lügen, obwohl das wirklich nicht ging und einem Christenkind, wie ich es war, bestimmt nicht erlaubt war. „Welchen Zettel?“, fragte ich und tat erstaunt. „Den Brief, den ich dir gestern an deinen Vater mitgegeben hatte.“ „Ich hab von Ihnen keinen Brief bekommen“, log ich was das Zeug hielt. „Doch, doch!“, widersprach mein Lehrer. So ging das eine Zeitlang hin und her. Dann fing Lehrer G. an meinen Schulranzen zu durchsuchen. Voller Genugtuung ließ ich das geschehen, mir konnte ja nichts geschehen, denn der Brief war längst als Asche zum Kamin hinausgeflogen. Am Schluss war mein Lehrer sich gar nicht mehr sicher, ob er mir den Brief mitgegeben hatte und ließ die Geschichte auf sich beruhen. Vielleicht hatte er aber auch meine Not gespürt und die panische Angst vor meinem Vater, der allzu schnell den Rohrstock zur Hand nahm, um mich durchzuhauen.
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